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Kunst und Künstler der DDR
Werke aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus
Der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. präsentiert:
Kunst und Künstler der DDR
Werke aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus
Ausstellung vom 16. Juli bis 5. September 2010
Nach der Klassischen Moderne und den Werken der Zeitgenössischen Kunst präsentiert der Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. in diesem Jahr unter dem Titel Kunst und Künstler der DDR Arbeiten von über 60 Künstlern aus der ehemaligen DDR, darunter Karl-Heinz Adler, Carlfriedrich Claus, Michael Morgner, Hermann Glöckner, Hans-Hendrik Grimmling, Ralf Kerbach, Willy Wolff und viele andere. Viele Künstlergruppen und Themen können nur andeutungsweise behandelt werden. Trotzdem zeigt die Auswahl, dass insbesondere nicht staatskonforme Kunst und Künstler aus der DDR eine wichtige Position innerhalb unserer Sammlung einnehmen.
Was alle ausgestellten Künstler verbindet, ist, dass sie in der DDR geboren beziehungsweise sozialisiert worden sind. DDR ist hier jedoch in erster Linie ein geografischer Begriff, es ist Heimat und nicht politische Verortung. Nur wenige Künstler der frühen Jahre sind freiwillig und bewusst in die DDR gezogen, der mehrheitliche Teil wurde dort geboren und ist – oft aufgrund familiärer Beziehungen – dort geblieben. Eine Gemeinsamkeit dieser Kunst ist die stetige Auseinandersetzung mit der Kulturpolitik eines diktatorischen Staates, der latente Konflikt zwischen dem eigenen Ausdruck und der geforderten Ansicht.
Die ausgestellten Arbeiten sind überwiegend zwischen 1949 und 1989, also in der DDR entstanden. Einige Kunstwerke stammen jedoch aus den späteren 1990er Jahren, als die DDR als Staat nicht mehr existierte. Weil sie sich jedoch nahtlos an frühere Werke der Künstler anschließen lassen, erschien uns die Präsentation unter dem Titel der Ausstellung gerechtfertigt.
Die Sammlung im Willy-Brandt-Haus besteht aktuell aus fast 3000 Arbeiten, die sowohl in der SPD-Zentrale in Berlin, aber auch an vierzig weiteren Standorten in Deutschland präsent sind.
Mit Werken von 1896 bis heute umfasst sie ein breites Spektrum an Künstlern und Themen. Die Ausstellung Kunst und Künstler der DDR. Werke aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus möchte den Betrachtungen der letzten Jahre jetzt einen weiteren Aspekt hinzufügen.
Eröffnung am 15. Juli 2010, 19.30 Uhr
Begrüßung:
Inge Wettig-Danielmeier
(Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V.)
Einführung:
Walter Momper
(Präsident des Abgeordnetenhauses)
Öffnungszeiten:
Dienstag bis Sonntag 12.00-18.00 Uhr
Presse und Informationen:
Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V.,
Gisela Kayser,
Tel: 030/ 259 93 785
Presseinformation:
Mirja Linnekugel
Tel: 030/25 993 782
Email: mirja.linnekugel@freundeskreis-wbh.de
www.freundeskreis-wbh.de
Der Zutritt zum Willy-Brandt-Haus ist nur mit Personalausweis möglich.
Technische Unterstützung:
Verwaltungsgesellschaft Bürohaus Berlin mbH

Inge Wettig-Danielmeier
Vorsitzende des Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V., zur Eröffnung der Ausstellung "Kunst und Künstler der DDR. Werke aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus" am 15. Juli 2010:
Meine Damen und Herren,
liebe Freunde,
ich begrüße Sie herzlich zur Präsentation der Ausstellung
Kunst und Künstler der DDR.
Werke aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus.
Die regelmäßigen Gäste unter Ihnen konnten schon drei Mal Teile der Sammlung im Willy-Brandt-Haus sehen, so dass Ihnen die Sammlung und ihre Schwerpunkte nicht unbekannt sind. Zum Verständnis des Ansatzes unserer Sammlungstätigkeit und der neuen Ausstellung und möchte ich vorausschicken:
Dass politische Parteien in ihren Kulturpolitischen Programmen sich mit künstlerischer Gestaltung auseinandersetzen, dass sie über die öffentliche Förderung die Rahmenbedingungen der Kunstproduktion mitbestimmen, in einem begrenzten Umfang auch Auftraggeber sind, das dürfte kein Erstaunen auslösen. Eine bewusste Sammlertätigkeit aber schon. Alles was mehr ist als der zufällige Ankauf von Bildern, z.B. für die Ausstattung von Vorstandsbüros, gehört nicht zum Bild einer politischen Partei.
So war es auch bei der SPD. Als sie 1975 ihren Neubau in Bonn bezog – das Erich-Ollenhauer-Haus – wurde das Haus mit Drucken serieller Grafik – überwiegend Vasarely – ausgestattet, später kamen einige Bilder hinzu. Meist Werke, die im Zusammenhang mit Wahlkämpfen, vor allem durch Künstler-Wählerinitiativen, entstanden waren.
Ich habe dann 1995, als der Bau des Willy-Brandt-Hauses sich der Endphase näherte, dem SPD-Präsidium vorgeschlagen, einen geringen Teil der Bausumme für Kunstankäufe zur Verfügung zu stellen, um mit einer Sammlung für das neue Willy-Brandt-Haus zu beginnen. Nicht nur der Auftrag an Rainer Fetting für die Willy-Brandt-Skulptur ist daraus finanziert worden, sondern auch ein erster Ankauf von Bildern und Skulpturen für die zunächst von uns genutzten Teile des Hauses.
Von 1996 bis 1999 bis zum Umzug der Verfassungsorgane gab es ja nur eine Teilnutzung des Willy-Brandt-Hauses durch die SPD. Der Aufbau und die Verwaltung der entstehenden Sammlung wurde an den neu gegründeten Freundeskreis Willy-Brandt-Haus e.V. übertragen, denn eine solche Aufgabe verträgt sich schlecht mit den Entscheidungsstrukturen einer politischen Partei.
Die Entscheidung zur Gründung einer Sammlung und das Einräumen eines Ankaufetats sagt selbstverständlich noch nichts über den Charakter der Sammlung aus. 1995 haben wir entschieden für drei Schwerpunkte zu sammeln:
Wir haben begonnen Klassische Moderne zu sammeln, jedoch mit der Einschränkung, dass die Künstlerinnen und Künstler mit ihren politischen Auffassungen, ihrem Lebensschicksal und ihrer Darstellung eine Beziehung zur Linken in Deutschland haben sollten.
Einen Teil dieses Schwerpunktes haben wir der Öffentlichkeit 2007 in Erinnerung an den 70. Jahrestag der Nazi-Ausstellung Entartete Kunst vorgestellt. Unter dem Titel Verfolgt. Verfemt. Entartet ist sie seitdem an zahlreichen Orten der Bundesrepublik gezeigt worden.
Ein zweiter Schwerpunkt sollte die zeitgenössische Kunst bilden, von der wir 2008 eine Auswahl unter dem Titel Mensch – Raum – Landschaft präsentiert haben.
Heute wird der dritte Schwerpunkt vorgestellt: Kunst und Künstler der DDR.
Als wir 1995 mit den Ankäufen begannen, stand die systemkritische, die oppositionelle Kunst im Mittelpunkt. An dieser Linie hat sich bis heute nichts geändert. Wir wollten dokumentieren, unter welchen Rahmenbedingungen von der Formalismusdebatte, von der Verpflichtung auf den sozialistischen Realismus, vom Bitterfelder Weg bis zu den Lockerungen in der Endphase der DDR, Künstlerinnen und Künstler arbeiten mussten. Wir wollten auch den Wert der Arbeiten unterstreichen, um einer abwertenden Tendenz aus der alten Bundesrepublik entgegen zu treten.
Unsere Sammlung ist nicht vollständig, weder sind sämtliche Künstlerinnen und Künstler der DDR vertreten, die Systemkritik übten oder die anderweitig in Opposition zur DDR gerieten, noch finden Sie alle Tendenzen und Gruppen.
Das Thema ist nicht abgeschlossen, im Rahmen der finanziellen Möglichkeiten wird es von uns sicher fortgeführt werden.
Eine Sammlung dieses Umfangs kann nicht entstehen, wenn nicht Menschen sich für sie engagieren. Dafür habe ich vielen zu danken:
Künstlern und Galeristen, die uns mit Rat und Tat zur Seite standen und nicht nur, wenn sie uns Bilder verkaufen wollten. Ich freue mich, dass einige bei uns heute zu Gast sind, um zu sehen, welchen Platz ihre Werke oder die von ihnen vertretenen Künstlerinnen und Künstler in unserer Sammlung einnehmen. Einige haben sich ausdrücklich entschuldigt, sie wollen die Ausstellung in den nächsten Wochen besuchen.
Die Hauptarbeit hat Klaus Wettig geleistet, der sich seit 1995 bereit erklärt hat, als One-DOLLAR-Man diese Aufgabe zu übernehmen und dessen Handschrift die Sammlung geprägt hat. 1997, als die Sammlung erhöhte Professionalität verlangte, ist dann Mirja Linnekugel hinzugestoßen und seit 2007 betreut sie als Kuratorin die Sammlung. Sie hat auch die Auswahl für diese Ausstellung getroffen und die Ausstellung gehängt.
Die Redaktion der Texte, die über die Kunstpolitik der DDR, über Künstlerschicksale und ihre Werke berichten, hat Dorothea Steffen übernommen. Diesem Dreigestirn habe ich herzlich für die aktuelle Ausstellung zu danken.
Mirja Linnekugel und Klaus Wettig gilt mein Dank zusätzlich für jahrelanges Engagement und die Sammlertätigkeit.
Die Sammlung im Willy-Brandt-Haus hat einen Umfang erreicht, der uns ihre Präsentation in zur Zeit 40 SPD-Häusern in der gesamten Bundesrepublik erlaubt.
Und wir haben bei den Recherchen zu Bildern und Künstlern erfahren, dass die SPD bis 1933 eine Kunstsammlung besaß, die von Heinrich Zille und Wilhelm Oesterlein betreut wurde. Sie wurde bei der Besetzung des Vorwärts-Gebäudes durch die Nazis 1933 geplündert und ist seitdem verschollen.
Mit dem Umzug nach Berlin haben wir also eine Berliner Tradition der SPD wieder aufgenommen.
Ich danke Ihnen für die Aufmerksamkeit und gebe nun Walter Momper das Wort.

Walter Momper
Präsident des Abgeordnetenhauses, zur Eröffnung der Ausstellung" Kunst und Künstler der DDR. Werke aus der Sammlung im Willy-Brandt-Haus" am 15. Juli 2010:
Sehr geehrte Damen und Herren,
Liebe Freunde,
Liebe Genossinnen und Genossen,
Kunst und Künstler der DDR – diese Ausstellung heute eröffnen zu dürfen, freut mich sehr.
1989 hatte ich als Regierender Bürgermeister von Berlin das für einen Politiker seltene Glück, wahrhaft historische – in diesem Fall ist das Adjektiv einmal berechtigt – Ereignisse erleben, begleiten und mitgestalten zu können.
Als Berliner haben wir ja sozusagen in der ersten Reihe erlebt, welche Dynamik die Proteste in der DDR entwickeln konnten, was die Zivilcourage jedes Einzelnen und die Solidarität Vieler bewegen konnte. Die damals in Gang gesetzten Umbrüche wirken bis heute. Berlin ist die Hauptstadt des vereinigten Deutschland. Hier kann jeder – in mehr als einer Hinsicht – täglich erleben, wie sich die gesellschaftliche, wirtschaftlich und nicht zuletzt die politische Situation grundlegend geändert hat.
1989 ist die DDR zusammengebrochen. Aber auch die Bundesrepublik gibt es so nicht mehr. Deren Selbstbild war geprägt durch eine starke D-Mark und das Bewusstsein mit der Westbindung auf der historisch "richtigen" Seite, auf der Seite der Sieger des Zweiten Weltkriegs, zu stehen. Und ohne das bisher erreichte und von vielen täglich erlebte, als selbstverständlich empfundene Miteinander in Frage stellen zu wollen: Das Zusammenwachsen der beiden Teile Deutschlands beschäftigt uns heute noch.
Denn entgegen allen anfänglichen idealistischen Überschwanges haben Unkenntnis und Unverständnis – bis hin zum aggressiven Nicht-Verstehen-Wollen – der Lebenswelten, der Lebensumstände und -gefühle, der die Existenz prägenden Bedingungen und Konflikte, der Erwartungen, Wünsche und Hoffnungen an die Zukunft das Zusammenwachsen nahezu von Beginn an begleitet. Dies gilt gerade für den Blick von West nach Ost. Und es gilt, ja manifestiert sich, gerade in der Kunst und Kultur.
Vielen wird im Gedächtnis sein, mit welcher Vehemenz und Selbstgewissheit Georg Baselitz im Juni 1990 den in der DDR lebenden Künstlern ihre moralische Integrität und ihrer Kunst kurzerhand den Kunstcharakter absprach und damit eine lange nachwirkende Staatskünstler-Diskussion in Gang setzte. Deren einzelne Stationen aufzuzählen, ist müßig. Erinnert sei nur an die Ausstellung Aufstieg und Fall der Moderne in Weimar 1999, die eine unmittelbare Verwandtschaft von NS-Kunst und in der DDR entstandener Kunst mindestens nahelegte. Oder an die erst im vergangen Jahr eröffnete – und von als Zentralorgan der Kunstkritik bekannten Bild-Zeitung gesponsorten – Schau 60 Jahre – 60 Werke, bei der einer der Verantwortlichen mit der rhetorischen Frage, ob die DDR-Kunst "nicht eher in ein historisches Museum als in ein Kunstmuseum" gehöre, das Selbstbewusstsein der alten Bundesrepublik noch einmal ungebrochen demonstrierte.
Solche einseitigen und mit einer guten Portion Arroganz vorgetragenen Urteile sind natürlich nicht die Regel. Sie haben sich auch nicht durchgesetzt: Bei der künstlerischen Ausstattung des Bundestages ist – selbstverständlich – auch Bernhard Heisig beteiligt. Und der unbelastete und unbefangene Blick aus dem Ausland – konkret des Los Angelos County Museum of Art – ließ die in diesem Jahr im Deutschen Historischen Museum zu besichtigende Ausstellung Kunst und Kalter Krieg möglich werden.
Mit solchen Präsentationen kann und will die heute zu eröffnende Ausstellung ausdrücklich nicht konkurrieren, sie kann und will keine repräsentative Schau der Kunst der DDR sein. Und auch ich kann und will hier keine umfassende Würdigung der Kunst der DDR veranstalten.
Ich würde aber gerne auf zwei Aspekte hinweisen:
Zum einen auf die Lebendigkeit und Vielfältigkeit der künstlerische Produktion der DDR.
Und – damit vielleicht kausal zusammenhängend – zum anderen darauf, dass die Bedingungen, unter denen Kunst in der DDR produziert wurde, sich von den Voraussetzungen, wie sie in der Bundesrepublik existierten, massiv unterschieden. In der DDR entstandene Kunst unter bundesrepublikanischen Maßstäben beurteilen zu wollen, ist weder angemessen noch sinnvoll.
Denn Kunst war in der DDR per Definition von gesellschaftlicher, politischer Relevanz. Über ihr Wesen, Aufgaben und Ziele diskutierten und entschieden Parteitage. Ihre Ausübung war reglementiert und die Produkte wurden bewertet. Als Künstler zu arbeiten, hieß, immer wieder in Auseinandersetzung mit dem System zu treten. Ein staatlicher Kunsthandel, umfangreiche, staatlich finanzierte Aufträge und staatlich organisierte Ausstellungen versuchten die Produktion genehmer Werke sicherzustellen. Zugang zu diesem reglementierten Kunstmarkt zu finden, hieß, die eigenen Ansichten und die vorgegebenen Ansprüche immer wieder neu auszutarieren, Freiräume immer wieder neu auszuloten. Zu eindeutig nicht-konform zu arbeiten, hieß nicht nur, sich den Ansprüchen zu entziehen, sondern konnte auch bedeuten, aus diesem Kunstbetrieb ausgeschlossen zu werden, auf materielle Sicherheit, Publikum und unter Umständen auf die Existenz als Künstler zu verzichten.
Die Grenzen waren dabei – gerade in den Anfangsjahren der DDR – eng gezogen. Die sogenannte Formalismus-Debatte erklärte gegenstandsbezogene, naturalistische und positive Darstellungen zu den ausschließlich erwünschten – mit der strikten Verpflichtung auf einen Sozialistischen Realismus sollte auch in der DDR die Kunst ihre gesellschaftlichen Aufgaben erfüllen können. Die Auseinandersetzung zeigt übrigens, wie lange und unheilvoll Prägungen der nationalsozialistischen Zeit nachwirkten. Denn ihre Initiatoren konnten sich auf die "Volksmeinung" berufen: Die Ablehnung und Abwertung expressionistischer Werke, wie sie beispielsweise auf der Ersten Allgemeinen Deutschen Kunstausstellung 1946 zum Ausdruck kam, veranlasste nicht nur Erich Kästner zu der Feststellung, die Deutschen hätten die ästhetischen Ideale alter Frauen. Sie sicherte der erneuten Verwerfung der Moderne auch Legitimation und einige Wirkungsmächtigkeit.
Bernhard Kretzschmar, der Altmeister der Dresdner Landschaftsmalerei, fasste die Situation der Künstler 1964 prägnant zusammen, als er den parteiamtlichen Festlegungen attestierte, wichtige Klarstellungen vorgenommen zu haben. So wisse man jetzt, "was die Impressionisten waren, die ham jemalt, was sie gesehen ham, was die Expressionisten waren, die ham jemalt, was die so in sich fühlten und was da raus wollte aus ihnen. Und wir, liebe Kollejinnenn, liebe Kollejen, wir malen, was wir hören."
Dieses Bonmot beschrieb eine Realität, die sehr viel weniger zum Lachen war. Denn die Folgen dieser einseitigen Festlegung waren einschneidend und dramatisch. Viele Künstler sahen sich ausgegrenzt, aus ihren Lehrämtern verdrängt, zensiert, bespitzelt oder mit handfesten Repressalien konfrontiert. Allerdings hörten sie nicht auf, zu malen – zur Not im privaten Raum und nach Feierabend. Einige verlegten sich im Hauptberuf auf weniger exponierte Felder: Karl-Heinz Adler, der ab 1957 ein umfangreiches konstruktiv-geometrisches Werk schuf, das er bis in die 1980er Jahre nicht öffentlich ausstellen konnte, war hauptberuflich auf dem Gebiet der Architektur und Bauplastik tätig. Andere gaben ihre "offizielle" Existenz als Künstler auf: Albert Hennig, der in den 1930er Jahren am Bauhausstudiert hatte, malte seine in dieser Tradition stehenden Werke ausschließlich als Privatmann – er fühlte sich von der Kulturpolitik so abgestoßen, dass er 1953 aus der SED austrat, seinen Posten als Referent für bildende Kunst im Bezirk Chemnitz aufgab und sein Geld bis zu seiner Verrentung 1972 als Betonbauer verdiente. Er hatte schon einmal in den gelernten Beruf des Maurers zurückkehren müssen, als 1933 die Nationalsozialisten an die Macht kamen und das im Bauhaus Gelernte zur nicht erwünschten und "entarteten" Kunst erklärten. Durch die Formalismus-Debatte wurde sein Malstil erneut zur nicht gewünschten Kunst.
Authentizität bewegte angesichts mehr oder weniger harter Maßgaben der Kulturbürokratie und der Politik, angesichts von Einschränkungen, Zensurmaßnahmen, zahlreicher Borniertheiten und seit 1961 auch angesichts des Eingesperrtseins auch die nachfolgenden Künstlergenerationen. Und in dem Bemühen um individuelle Ausdrucksfähigkeit erweiterten sich auch die künstlerischen Ausdrucksformen. Leipziger Künstler verhandelten historische, aber auch aktuelle Themen in neuer Expressivität. Künstler der Berliner Schule entwickelte in ihren Bildern eine nach innen gerichtete Schwermütigkeit. Und in Dresden begann Jürgen Böttcher, genannt Strawalde, als Filmemacher, musste aber bald feststellen, wie eng die Grenzen des Zulässigen gezogen waren. Seine Werke wurden verboten und zum Teil sogar vernichtet. Als Maler tarierte er Abstraktion und Gegenständlichkeit miteinander aus. Und als Leiter eines Zeichenkurses an der Dresdner Volkshochschule inspirierte mit seiner künstlerischen und persönlichen Unbeugsamkeit eine ganze Gruppe von jungen Künstlern: Ralf Winkler alias A. R. Penck gründete 1971 die Lücke, die künstlerisch neue Wege ging und als erste Künstlervereinigung nach außen aus ihrer Unabhängigkeit keinen Hehl machtte. Peter Herrmann und Eberhard Göschel wurden zu Mitinitiatoren der Obergrabenpresse, einer kollektiven Druckerwerkstatt, die einmal mehr bewies, wie hoch das qualitative Niveau der Druckgrafik in der DDR war – die Staatssicherheit versuchte vergeblich, sie in den Griff zu bekommen.
Denn nicht nur das System fordert die Künstler heraus – auch diese fordern das System heraus. Spätestens in den 1970er Jahren mussten SED und Bürokratie feststellen, dass sich autonome Gruppen und Strukturen, wie die gerade angesprochenen, geradezu epidemisch ausbreiteten. In Chemnitz war es Clara Mosch, in Dresden der Kreis um das Leonhardi-Museum, die mit ihren Performances und Ausstellungen für Furore sorgten, um nur zwei zu nennen. Und die Staatsmacht schlug zurück. Mit gezielten Unterwanderungsstrategien und – in den Dimensionen im Nachhinein fast lächerlich anmutenden – Personaleinsätzen wurden die einzelne Künstler und Gruppen unter Druck gesetzt. Cornelia Schleime setzte den Bespitzelungen mit Hilfe ihrer eigenen Stasi-Akte ein ironisches Denkmal und lässt dabei die Paranoia des Überwachungsstaates fast komisch wirken.
Dabei waren die Maßnahmen selbst ganz und gar nicht komisch. Sie konnten bis zu Verurteilungen und Inhaftierungen gehen. Der Dresdner Siebdrucker Jürgen Gottschalk, der als Partner zahlreicher Künstler dafür gesorgt hat, dass sich in der Plakatkunst Ansätze entfalten konnten, verlor nicht nur seine Werkstatt, sondern auch seine Freiheit. Er wurde 1984 zu einer Gefängnisstrafe verurteilt und nach 15monatiger Haft von der Bundesrepublik freigekauft. Dass in dieser Ausstellung einige der – wenigen – Plakate gezeigt werden können, die die Erstürmung und Zerstörung der Werkstatt überlebt haben, freut mich besonders.
In Berlin war es der Prenzlauer Berg, der sich zu einem Sammelbecken alternativer, nicht-konformer Künstler und Literaten entwickelte und den Nährboden für die bald beginnenden Protestbewegungen bildete. Bei aller Romantik (die sich besonders in der Rückschau einstellt) und bohemehafter Selbstinszenierung, die oft genug Selbstbehauptung war – auch hier war die Situation der Künstlerinnen und Künstler alles andere als einfach. Sie lebten vielfach in gesetzlich wie materiell ungesicherten Verhältnissen, "schlugen sich so durch". Viele von ihnen waren deshalb in Berlin, weil sie auf die Ausreise in den Westen warteten. Und die meisten wussten nicht, ob und wann die Genehmigung sie erreichen würde. Lutz Friedel malte in dieser Zeit nicht von ungefähr Flugzeuge, die jede Leichtigkeit vermissen lassen. Und Ralf Kerbach setzte sich in vielen seiner Bilder mit der Situation des Ausreisenden und Exilanten auseinander. Denn der Abschied war – so schien es jedenfalls damals – ein endgültiger und das in Aussicht stehende neue Leben mit vielen Ungewissheiten behaftet.
Diese Liste ließe sich fortsetzen. Und natürlich um andere Künstler ergänzen, die weitaus unangefochtener lebten und arbeiteten, ohne allerdings deshalb "automatisch" "Staatskunst" zu produzieren, auch dafür werden Sie in der Ausstellung Beispiele finden.
Wenn ich also hier zum Schluss komme, dann auch, weil ich denke, dass eines deutlich geworden ist: Künstler und Künstlerinnen agierten und reagierten in einem reglementierenden System. Künstlerisch gingen sie dabei unterschiedliche Wege, sie arbeiteten naturalistisch, expressiv, abstrakt oder erschlossen sich neue Kunstformen. Aber sie ignorierten, reflektierten oder bekämpften damit Vorgaben und Strukturen, die sie als Künstler wie als Menschen und Staatsbürger einschränkten und bevormundeten – und trugen so, vielleicht entscheidend, dazu bei, dass das "System DDR" 1989 von innen her gesprengt wurde.
Lassen Sie mich zum Schluss noch ein persönliches Wort zur Sammlung im Willy-Brandt-Haus anfügen. Nachdem Frau Wettig-Danielmeier über die Entstehungsgeschichte und die Sammlungsschwerpunkte berichtet hat.
Als Berliner Bürger bin ich sehr froh darüber, dass meine Partei mit dem Umzug nach Berlin an ihre Tradition anknüpfte und erneut eine Kunstsammlung begonnen hat. Es gibt in dieser Stadt viele öffentliche und private Kunstsammlungen, zu denen die Sammlung im Willy-Brandt-Haus aber einen besonderen Akzent hinzufügt. Für die Sammlung und ihre Ausgestaltung haben wir Inge Wettig-Danielmeier zu danken, die sie vor 15 Jahren im SPD-Präsidium durchgesetzt und danach für die notwendigen Finanzmittel gesorgt hat. Und wir haben Klaus Wettig zu danken, der seit 1995 als Kunstscout durch Galerien, Ateliers und Kunstmessen gewandert ist, seit einigen Jahren unterstützt durch Mirja Linnekugel, die mit Dorothea Steffen für die Präsentation dieser Ausstellung gesorgt hat.
Diese Arbeit stellen wir Ihnen heute und in den folgenden zwei Monaten vor und erwarten Ihr Urteil – Zustimmung und auch Kritik.

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Hermann Glöckner
Überlagerung zweier Kurven, 1957
Tempera auf Zeitungspapier
© VG BildKunst, Bonn 210

Hermann Glöckner,
ohne Titel (blau-weiß-schwarz), 1957
Foto: Jörg F. Müller, Berlin
© VG-Bildkunst, Bonn 2010

Hermann Glöckner,
ohne Titel (rot-weiß-braun), 1957
Foto: Jörg F. Müller, Berlin
© VG-Bildkunst, Bonn 2010

Angela Hampel,
Frau mit Rabe
Foto: Jörg F. Müller, Berlin
© VG-Bildkunst, Bonn 2010

Arno Rink,
Selbst in Russland, 1969
Foto: Jörg F. Müller, Berlin
© VG-Bildkunst, Bonn 2010

Inge Thies-Böttner, Geometrische Komposition I, 1985
Foto: Jörg F. Müller, Berlin
© VG-Bildkunst, Bonn 2010

Lutz Dammbeck,
Plakat Clara Mosch
Foto: Jörg F. Müller, Berlin
© VG-Bildkunst, Bonn 2010 |