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In regelmäßigem Wechsel wird jeweils ein Kunstwerk genauer betrachtet. Die Auswahl ist bewusst subjektiv und wird sicherlich das ganze Spektrum der Sammlung von 1896 bis heute wiederspiegeln.

 

Otto Griebel

Dix als Knallmax, 1921

Aquarell über Bleistift

 

Nach einer Lehre als Dekorationsmaler ging Otto Griebel an die Königliche Zeichenschule in Dresden, wo er Otto Dix kennen lernte, mit dem er zeitlebens befreundet blieb. Beide setzten ihre Ausbildung an der Kunstgewerbeschule Dresden fort. Nach Kriegsende trat Griebel in die KPD ein und war 1918/19 im Dresdener Soldatenrat aktiv.

Otto Griebel entwickelte sich zu einem engagierten Mitglied der Arbeiterbewegung und beteiligte sich 1920 am Kampf gegen den Kapp-Putsch. Er wurde Mitglied bedeutender Künstlervereinigungen, wie der Düsseldorfer Gruppe Junges Rheinland und der Berliner Novembergruppe. 1929 gründete er zusammen mit Lea Grundig, Curt Querner und anderen die Dresdner Sektion der ASSO.

Unmittelbar nach der nationalsozialistischen Machtübernahme, im Mai 1933, wurde Griebels Atelier und Wohnung durchsucht und er selbst inhaftiert. Nach eigenen Angaben verhinderte nur ein Haftentlassungsersuchen, dass er in das Konzentrationslager Hohnstein gebracht wurde. Wieder frei sah er sich zwar nicht mit einem formalen Arbeits- und Ausstellungsverbot belegt, sein Name stand aber auf einer vom Vorstand des Deutschen Künstlerbundes zusammengestellten schwarzen Liste und durfte in Kunstbesprechungen nicht mehr genannt werden. Es wurde ebenfalls verhindert, dass Werke von Künstlern, die wie Griebel der Neuen Dresdner Sezession angehört hatten, von kommunaler und staatlicher Seite angekauft wurden.

Otto Griebel erlebte, wie seine Freunde und Bekannten drangsaliert, verfolgt und zum Teil verhaftet wurden, oder sich wie Otto Dix aus Dresden zurückzogen, und wurde selbst durch die Gestapo überwacht. Weil es ihm faktisch unmöglich war, Bilder auszustellen und zu verkaufen, war er auf Gelegenheitsarbeiten wie das Malen von Zigarettenbildchen angewiesen. Erst ein Auftrag für das Dresdner Hygienemuseum sicherte von 1934 bis 1938 seine materielle Existenz. Unterstützt von dem Museumsleiter, der Griebel künstlerisch freie Hand ließ, übernahm er für eine neu aufzubauende Abteilung die künstlerische Ausgestaltung, dabei gelang es ihm, kommunistische Freunde und Kollegen ebenfalls unterzubringen.

1937 wurden mehrere von Griebels Werken für die Ausstellung Entartete Kunst beschlagnahmt und zwei Jahre später, 1939, verbrannt. Im selben Jahr wurde er zum Militärdienst einberufen, schon 1940 aber wieder aus der Wehrmacht entlassen. Er floh vor der anrückenden Roten Armee 1945 nach Dresden, dort verlor er durch den alliierten Bombenangriff seine Wohnung, sein Atelier und den Großteil seiner Arbeiten. Nach Kriegsende arbeitete er zunächst für die Sowjetische Militäradministration in Deutschland, von 1953 bis 1960 war er Studiendirektor und Dozent an der Hochschule für Bildende Künste Dresden.

Das Blatt „Dix als Knallmax“ aus dem Jahr 1921 stammt aus einem Gästebuch des Dresdner Rechtsanwalts und Kunstsammlers Fritz Salo Glaser.

Seit den frühen 1920er Jahren führte Glaser ein Gästebuch, in dem sich Maler und Schriftsteller verewigten. Regelmäßig lud er zu Salons in sein Haus ein und unterhielt zahlreiche Freundschaften mit Künstlern und Literaten der Zeit. „Dix als Knallmax“ stammt aus dem ersten Band der Gästebücher, im Jahr 1929 eröffnete Glaser einen zweiten Band, dessen Titelblatt auch von Otto Griebel gestaltet wurde. Heute würden sich diese Bücher wie ein Who-is-Who der damaligen Avantgarde lesen, aber die Machtergreifung 1933 leitete auch für Fritz Glaser eine Zeit der Verfolgung ein. Um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, musste Glaser seine Sammlung schrittweise verkaufen. Die Gästebücher jedoch blieben bis in die Zeit der DDR erhalten. Da Fritz Glaser aber auch in der DDR staatlichen Anfeindungen ausgesetzt war und seinen Nachkommen die Opferhinterbliebenenrente gestrichen wurde, mussten sie die Bücher in den 1970er Jahren verkaufen. In den Kunsthandel gelangten die Blätter dann einzeln, so dass eine komplette Übersicht der einstigen Gästebücher nicht mehr möglich ist.

Das Aquarell „Dix als Knallmax“ entstand am 13.12.1921 sicherlich anlässlich eines rauschenden Festes in der Wohnung von Fritz Glaser. Eine pittoreske Menschenpyramide bildet das Zentrum der Darstellung, mit Bleistift eingefügte Texte ergänzen die Szene und erinnern an die Kunst der Dadaisten. Mit nur wenigen Strichen hat Otto Griebel Charakterköpfe der Zeit dargestellt und zeigt damit seine hohe zeichnerische Qualität.

Auch die Rückseite des Blattes birgt eine Überraschung. Offensichtlich wurden die Blätter der Gästebücher beidseitig benutzt, denn verso befindet sich eine Aktzeichnung von Otto Griebel aus dem Jahr 1925. Diese Bleistiftzeichnung ist mit schnellem Strich locker auf das Blatt gesetzt und zeigt einen Frauenakt in seitlicher Ansicht.

Welche Fülle an Kunstschätzen die Gästebücher von Fritz Salo Glaser enthielten, lässt sich schon an diesem einen Blatt von Otto Griebel erahnen.

 

* 1895 (Meerane in Sachsen)

† 1972 (Dresden)

 

Das Blatt „Dix als Knallmax“ ist vom 4. Februar bis 7. Mai 2017 in der Ausstellung Otto Griebel. Im Panoptikum der Zeit der Städtischen Galerie Dresden zu sehen.
www.galerie-dresden.de